Von meiner Wohnung aus habe ich Aussicht auf zwei wichtige Straßen Chicagos. Den Broadway und die Halsted. Da das nächste Police Department nur wenige Minuten entfernt ist, ist es manchmal dementsprechend laut, wenn die Chicago Police dort lang heizt. Ja, die Sirenen klingen genauso cool wie im Film. In Sachen Coolness kann sich die deutsche Polizei da auf jeden Fall was abgucken. In vielen anderen europäischen Städten habe ich diese Sirenen auch schon gehört, aber die deutsche Polizei bleibt bei diesem deutschen Martinshorn für ihre Einsatzwagen…
Allgemein hat das Auto hier sowieso einen noch höheren Stellenwert als irgendwo. Ohne Auto geht für die sehr viele Amerikaner nichts, was aber auch einfach an der unfassbaren Größe dieses Landes liegt. Es ist aber trotzdem keine Kunst hier einen Führerschein zu bekommen und dementsprechend fahren viele Amerikaner auch. Da die meisten dieser Autos hier eine lächerliche Automatik-Schaltung haben (wie ein Spielzeug…), ist Auto fahren nicht nur Auto fahren, sondern alles, was man noch nebenbei erledigen kann!
Mir ist schon öfter das Herz auf dem Highway stehen geblieben. Telefonieren, Emails checken, im Handschuhfach wühlen, eine Diskussion anfangen und deswegen auf der linken Spur mit 10 Km/h langschleichen (…keine ahnung, wie viele mp/h das hier sind) , die Air Condition auf Kühlschranktemperatur stellen oder das Lenkrad loslassen bzw. noch mit einem Finger führen und nebenbei die Ice Cubs aus dem letzten Getränk zermalmen.
Ohne eine Tonne Eiswürfel in verdammt noch mal JEDEM Getränk ist Flüssigkeit hier sowieso nur schwer einzunehmen. Ich halte es eigentlich für unlogisch mein bereits eiskaltes Getränk noch kühler zu trinken. Und als Europäer benutze ich auch ein Messer zum Essen, was manche Amerikaner ziemlich verwundert. Aber wir Europäer sind natürlich immer ein Stück hinter den Amerikanern. Und auf fast jeder Pizza bisher fehlten mir die Gewürze. Aber die Deep Dish Pizza, eine Chicago-Spezialität, holt das wieder raus! Man kann hier sehr gut essen, aber im Durchschnitt ist das meiste Essen leider ein bisschen schlechter, fettiger, minderwertiger.
Durch Chicago fahren auch ganz gerne Verrückte und predigen durch Lautsprecher auf ihrem Auto, dass die Welt bald untergeht. Oder ich werde in meiner Pause angequatscht und mir wird erklärt, dass Obama mit der Health Care Reform die selben Pläne wie Hitler verfolgt. Auch sonst begegne ich verrückten Gestalten. Ich erinnere mich, wie ich in einem abgeranzten Burger King nahe Philadelphia Downtown saß und mir gegenüber ein Klischee-Zuhälter die Dollarscheine auf dem Tisch zählte und neben ihm eine Prostituierte wartete. Die beiden machten keinen Geheimnis daraus.
Was ich an den Amerikanern aber immer wieder bewundere, ist der Optimismus und der Kämpfergeist, ganz im Gegensatz zum immer nörgelnden Deutschland. Durch meine Arbeit beim JCUA fällt mir immer wieder auf, wie leicht man Leute hier mobilisieren kann, um sich für etwas einzusetzen oder zu protestieren. Amerikaner sind einfach leichter zu begeistern. In zwei Tagen ist Thanksgiving und Amerika freut sich auf Familie und Turkey (Truthahn).
Und auch die in diesem Blog bereits erwähnte Multikulturalität ist hier einfach nochmal intensiver. Ich treffe hier Leute aus der ganzen Welt. Umso mehr eine Schande, dass in einem Land, dessen Bevölkerung aus Zuwanderern und Nachfolgegeneration besteht, Rassismus, Abschiebung, Segregation etc. immer noch große Themen sind. Aber trotzdem sind die USA ein Land, dass ihren Status als Einwanderungsland anerkennt und sich darauf einstellt. Während ich in Berlin – Kreuzberg wieder Gemeckere über türkische Werbeschilder höre, ist hier es normal, dass Hinweisschilder auch auf Spanisch (für die vielen Mexikaner und Hispanics) sind.
Dies ist nur ein weiterer konzeptloser Querschnitt durch meine Zeit hier. Als Gewohnsheitsmensch stelle ich manchmal etwas schwer an, einige Gegebenheiten in diesem Land anzunehmen und bin im Kopf vielleicht noch in Europa, aber trotzdem schlage ich mich anscheinend ganz gut…

"Declaration of Immigration" Wallpainting in Little Village (mexikanische Neighborhood auf Chicagos South Side)

Noch so ein Amerikaner... oder doch ein Immigrant?